Ryan Gander, Esperluette

Es ist ein Durchgangsraum, vorne, hinten, überall sind Werke anderer KünstlerInnen. Ich habe mich in die Mitte des Flurs gestellt, es gibt nur einen Sessel, und der ist gerade besetzt. Unmittelbar von hinten her dröhnt ein Video, dort ist der Flur abgedunkelt.

Hier ist es hell, die Höhe des Raums ist geschätzte 6 Meter, an der Decke hängen technische Installationen, Neonleuchten und Kabel, die fast nicht von den Werken an den Wänden und am Boden weiter vorne zu unterscheiden sind. Die Breite des Durchgangsraum ist ca. 12 Meter. An dieser Stelle kann ich zwei Arbeiten von Ryan Gander sehen. Links ist eine Stehlampe, A lamp made by the artist for his girlfriend, 2012. In einem gelben Plastikkessel, wo laut Original-Aufdruck (Bild und Text) eine Betonmischung drin war – und auch jetzt wieder ist, aber fest geworden – steckt eine 1,5 Meter lange Holzstange von einer Schaufel oder einem Besen, zuoberst ist eine beigefarbene Lederschnur zu einer Halteschlaufe geknotet. Eine lindgrüne Alufahrradlenkstange ist mit türkisfarbenem Gummiband an die Holzstange gebunden, oben und unten jeweils mit einem Klebband fixiert (oben blau, unten schwarz). Die „Hörner“ der Lenkstange weisen von der Stange weg, durch die Lenkstange hindurch ist ein mit Stoff bezogenes Stromkabel gezogen, das unten zur Steckdose geht und einen schwarzen Schalter hat, oben hängt eine grosse Glühbirne raus, sie ist also in die Mitte der beiden „Hörner“ gehängt. Die Glühbirne ist besonders, sie hat viel Leuchtfäden und sieht altmodisch oder retro aus wie auch das Kabel, so wie zur Zier.

Immer noch auf dieser linken Seite des Flurs geht ein kleiner Gang ab, mit Neon beleuchtet. Hier sind zwei Toiletten, eine mit einem Männchen auf der Tür, eine mit einem Frauchen. In diesem Seitengang hängen auch lieblos Fotos eines anderen Künstlers. Gleich rechts von diesem kleinen Seitengang, an der linken Hauptwand also, hängt ein kleines Papier, da ist ein Plan mit den 4 Werken von Ryan Gander angebracht. Laut Plan gibt es in den Toiletten auch eine Toninstallation von ihm, Et… et… et…, 2012. Das eine Klo ist schwarz gekachelt und hat zwei Abteile. Im Eingangsbereich hängt zwischen Spülbecken und Händetrockner hoch oben ein Lautsprecher, aber wenn hier eine Soundinstallation ist, dann ist die lautlos. Nichts zu hören.

Weiter im Hauptraum, der wie gesagt ein Durchgang ist. Links, nach Lampe, WC-Bucht und Plan, stehen zwei weisse Schaukästen, hoch ungefähr bis zum Bauchnabel, im Raum drin, etwa 3-4 Meter von der Wand entfernt. Im ersten ein mit Glasplatte bedecktes, von unten beleuchtetes weisses Papier, das offensichtlich die Beschreibung von Ampersand ist, man sieht etwa 120 winzige Texte, die Hälfte in englisch, die andere in Französisch, und den Titel in grossen Buchstaben. Es scheinen Gegenstände beschrieben zu sein, und wo sie herstammen. In einem zweiten Schaukasten ein grünes Tuch etwa 20 cm unter der Glasscheibe ausgelegt, darauf liegt aufgeklappt ein Buch von Ryan Gander, es heisst Ampersand – Notes on a collection. Die Farbe des Umschlags ist ein leicht orangenes Beige, die Schrift ist hellblau, das Buch ist mit dem Rücken nach oben aufgeklappt. Der Titel geht über den vordern und hintern Umschlag, hinten ist auch ein Strichcode, auf dem schmalen Buchrücken ein winziges Logo, vorne der Name des Autors.

Als nächstes und letztes Ding links in diesem Abschnitt des Raums eine riesige Lifttüre, der Fahrstuhl ist aber fürs Personal reserviert. Jetzt die rechte Seite des Raums, zurück zum Anfang. Das sind insgesamt etwa 10 – 15 Meter, die Ryan Gander gewidmet sind. Zuerst ein hell beleuchtetes Feld mit zwei weissen aufgeklebten Papieren im A0-Format, das linke nennt Autor und Titel der Ausstellung, rechts ein Text über den Künstler und ein paar praktische Hinweise über das Palais de Tokyo.

Als nächstes an dieser rechten Wand eine „versteckte“ Türe, die also genau so weiss wie der Rest der Wand ist und auch keine Türfalle hat. Daneben liegt auf dem grauen, vom Alter mit Rissen strukturierten und patinierten Betonboden ein Papier A4, das die Texte vom ersten Schaukasten links wiedergibt. Scheinbar ist es einfach zufällig hier hin gefallen.

Inzwischen ist der Sessel frei. Es ist ein luxuriöser Fernsehsessel mit Metallfuss, einer dunklen Holzschale, innen umfängt einen schwarzes Leder gemütlich. Vorne ist ein quadratisches Loch in der Wand, ca. 1,5 x 1,5 Meter und genauso weiss wie der Rest der Wände. Die Vertiefung ist bündig mit der Wand mit einem Glas geschlossen, dahinter geht das Weiss noch ca. 1 Meter tief. Dahinter ziehen auf weissen Würfeln auf Augenhöhe (ich sitze wie gesagt im Sessel) Objekte vorbei. Das ist Ampersand, 2012.

Ein Objekt ist jeweils ca. 10 Sekunden zu sehen, während der Würfel von links nach rechts zieht, dann folgt das nächste. Die Dinge sind verschieden auf den Würfeloberflächen drapiert, ein Industriestaubsauger, ein Zauberstab, rotes Herbstlaub – Ahorn künstlich, ein grünes Buch, das war das letzte vor einer kurzen Pause, dann ein riesiger Ghettoblaster, ein Feuerzeug, Holzbauteile mit Fahrradklingel, Lehmhäufchen, ein rotweisses Tischtuch mit Baguette, ein Kühlschrank mit bunten Magnetbuchstaben, unter anderem eine lesbare Aufschrift: „Appelle-moi au 06 98 00 12 68“ (die Nummer ist aber nicht vergeben, als ich anrufe), 3 Drahtmännchen, eine Stofftasche, Torso einer Schaufensterpuppe, Spielzeug, eine Hängeleiter, ein Luftkühler Marke Dyson, weisser Stoff mit blauen Pünktchen, ein Gewehr, wahrscheinlich Kalaschnikow, mit dem Lauf nach oben aufgestellt, schwarzer Molton, ein Unterleib einer Schaufensterpuppe mit Glitzerdekor auf der Scham, eine Gepäckbox von Ryanair, Klopapierrollen in 6 grellen Farben und noch viel mehr Dinge, diese Liste nennt höchstens die Hälfte der vorbeiziehenden Objekte.

Wenn ich aufstehe und in das „Schaufenster“ reinschaue, sehe ich ein Fliessband wie z.B. im Flughafen, tiefer drin und vom Sessel aus nicht zu sehen sind die Lichtschranken, welche die Würfel auf der richtigen Distanz halten.

Ein Security-Angestellter mit Knopf im Ohr zeigt mir einen schwarzen Kasten in der Grösse eines Videorecorders, der hoch oben in der Decke hängt die Toninstallation im Klo steuert. Das Ding steigt wohl öfters aus, und ein Techniker müsste auf eine sehr hohe Leiter steigen, um das Gerät neu zu starten.

Auf dem Plan ist noch eine vierte Arbeit eingezeichnet, die Nummer 4. Von hier aus ist sie nicht zu sehen, und der Plan ist unverständlich, ich frage danach. Man muss ziemlich weit gehen, durch eine Glastür, quer durch ein industrielles Treppenhaus. Dann betrete ich einen grossen Raum, wo Arbeiten verschiedener KünstlerInnen hängen. Ryan Gander hat eine Serie von vier „Bildern“ gemacht, Associative Ghost Templates, 2012, die an der hintersten Wand hängen. Oben bedecken weisse Tuchbahnen die noch höhere Decke, links geht eine breite Treppe ein paar Stufen nach unten, von rechts lärmige Musik von einer anderen Installation.

Die „Bilder“ sind quadratisch, ca. 1,2 Meter breit und hoch. Es sind je 3-4 farblose Plexiglasscheiben übereinander, wobei die vorderste ganz ist und eine Art Deckglas bildet, die Scheiben dahinter haben unregelmässige rechteckige Aussparungen, als ob je ein Gegenstand durch sie hindurchgefallen wäre. Dank diesen je Schicht individuell platzierten Löchern entstehen Schatten und Überlagerungen. Rechts von jedem Bild eine winzige Plexiglastafel (10 x 20 cm), mit 4 Schrauben an die Wand gemacht, darauf in farbloser, eingravierter Schrift Texte zu jedem „Objekt“ und die nummerieren Umrisse, die jeweils einer Leerstelle auf den „Bildern“ entsprechen, wo also „etwas gewesen wäre“. Meistens Gegenstände aus seinem Atelier, Papiere, Fotos. Diese Liste könnte auch unvollständig sein, die Umrisse der Objekte auf diesem Täfelchen stimmen irgendwie nicht mit allen Aussparungen auf den Scheiben überein. Es ist kalt in diesem Raum.