Durch die Heide

Wanderung sehend und tastend

Prenzlauer Berg vor dem Haus um 13 Uhr. Es nieselt etwas und die Luft ist schwül und warm. Wir fahren in eine Heide, die Fahrtzeit beträgt ungefähr 15 min. Auf dem Weg dorthin kommen wir durch ein Dorf, welches auf der Karte als Ort nicht eingezeichnet ist. Die Häuser sind fast alle in gleichem Stil restauriert, nur wenige sind noch in altem Zustand. Als würde das Dorf einer Person gehören, die sich um einen einheitlichen Stil bemüht.

Als wir ankommen nieselt es nicht mehr, wir halten auf einem Schotterparkplatz gegenüber des scheinbar offiziellen Eingangs der Heide. Der Eingang ist durch ein Holzportal gekennzeichnet, durch das man durchgeht mit einem Schriftzug ins Holz eingefräst. Danach kommt noch ein Parkplatz und eine Karte der Heide mit der Markierung darauf wo wir uns vor Ort befinden sollten. Wir laufen den Weg entlang auf ein prärieanmutendes Gelände. Der Weg ist gesäumt von alten vertrockneten Holzstämmen, die am Wegrand als Begrenzung liegen. Das Ambiente sieht aus wie eine inszenierte Westernlandschaft. Es kommen uns eine Person mit Kinderwagen und zwei Hunde entgegen. Ich beschreibe meinem nicht-sehenden Begleiter die Situation und gehe mit ihm weiter auf einen Wegweiser zu. An dem Wegweiser müssen wir uns entscheiden, ob wir die leicht begehbaren Wege rechts und links nehmen wollen oder ob wir uns geradeaus in der Heidegegend begeben wollen.

Wir entscheiden uns für die Heidegegend, weil nach meinem Begleiter ja sonst nichts zu erleben sei. Ich führe ihn über den weichen Sandboden und beobachte wie er mit den Gegebenheiten, die für ihn nicht sichtbar sind, umgeht. Er geht sicher und mutig, als ob er sehen könnte, nur wenn bestimmte Tiefen und Höhen unvorhersehbar zu meistern sind, merkt man, dass er nicht darauf vorbereitet war, er benutzt seinen Stock nur sehr selten. Mir fällt ein Stein am Boden auf, der eine merkwürdige Formation hat und aussieht wie ein Zwischending aus Metall und Stein. Ich zeige es ihm und möchte wissen, was er sich darunter vorstellt. Er ist nicht sicher, was es sein soll, die Beschaffenheit und die Form ist nicht eindeutig etwas bekanntem zuzuordnen. Er fragt mich nach den Farben auf der Oberfläche, nach seiner Empfindung wäre sie rötlich, aber ich muss ihm sagen, dass es eher grau und braun ist und auf der Unterseite fast weiß. Für mich sieht es aus wie ein Mischobjekt aus Stein und geschmolzenem Metall. Mein Begleiter wäre drauf nicht gekommen und wirft plötzlich das Objekt mehrmals, auf einen anderen Stein um zu hören wie sich der Aufprall anhört und ob es zerbricht. Er klopft das Objekt auch mehrmals mit unterschiedlichen Gegenständen ab, um den Ton des Materials zu hören. Ich bin über dieses Verhalten sehr verwundert und freue mich jedoch zugleich eine neue Methode erfahren zu haben, wie man Dinge nach ihrem Verhalten in Bezug zu anderen Gegenständen genauer erforschen kann. Nach einigem Bearbeiten und Werfen brechen Stücke von dem Objekt ab ich kann sehen, wie das Objekt im Querschnitt aussieht. Es ist ein mit Metall umschlossener Stein. Ich beschreibe es ihm und er versucht die unterschiedlichen ertasteten Oberflächen zuzuordnen. Nach meiner Erklärung bemerkt auch er die unterschiedlichen Materialien nur schwer. Offenbar ist Metall irgendwann mal geschmolzen und hat den Stein umschlungen, danach ist es verhärtet. Große Hitze muss in dieser Landschaft aufgetreten sein, wodurch wissen wir jedoch noch nicht.

Trist und fad – sehend
Für mich sieht die Landschaft eher trist und fad aus, eine typische Heidelandschaft mit Heidekraut auf trockener sandiger Erde, ich kann also keine Schlüsse ziehen, wie Hitze hier hergekommen ist, die diese Prozesse in Gang gesetzt haben sollen. Kleine Sträucher und Baumstümpfe sind zu sehen. Teilweise wurden die Bäume abgesägt, teilweise sind sie vertrocknet. Die Landschaft sieht etwas hügelig aus, als wäre hier mal ein Fluss geflossen. Es ist aber nichts zu sehen, was nach satten oder reichen Vegetationsresten eines Flussbettes aussieht. Alles ist trocken und sandig, wenig Bäume und abgestorbene Baumstümpfe, alles erinnert mich eher an diese Westernlandschaft. Wir gehen weiter und ertasten einige Bäume an der Rinde. Da alles so trocken ist, lassen sich einige Bäume bearbeiten, die Rinde entfernen oder ein Ast abbrechen. Die Szene hat etwas von einer Reise in eine Vergangenheit, in der wir übrig gebliebene Skelette auseinandernehmen, als wären sie aus Papier, was sogleich in der Hand zerbröselt und zu Staub wird. Doch sind in der Landschaft über das sichtbare Gebiet verteilt vereinzelt Menschen zu sehen, die man nicht hört, wie Stecknadelköpfe bewegen sie sich langsam auf der flachen Oberfläche fort. Die Präsenz der Menschen sind nicht zu hören, man sieht sie nur. Als wären sie stille Figuren in einem Film, bei dem der Ton abgedreht wurde. Auch wirken sie wie Komparsen, deren Aufgabe es ist, farbige bewegliche kleine Merkmale in der Natur zu verteilen, als bräuchte der Ort minimale Bewegungsstimulation oder zufällig gemeinte Farbakzente. Hinzuzufügen ist, dass vereinzelt ein paar Vögel zu hören sind. Sie wirken weit weg, als wären sie später in der Szene synchronisiert worden. Generell wirkt die Landschaft ruhig, fast wie gedämpft auf mich. Mein Begleiter stellt sich die Landschaft wie eine begrenzte abgeschirmte Fläche vor, als wäre am Horizont nichts. Er benutzt das Wort “unwirklich“ und ich will wissen, was er damit meint. Er findet die Kombination von duftenden Blüten und trockener Haptik irgendwie unwirklich und kann sich kein eindeutiges Bild aus den ertasteten Dingen machen. Mit Metall ummantelter Stein und vereinzelt zwitschernde Vögel, sandiger Boden, warme Luft. Das alles wirkt wie ein klimatisiertes inszeniertes Studio. Einige kleine satte Blätter an bodennahen Pflanzen wechseln sich mit teilweiser sehr trockenen Sträuchern und Bäumen ab. Auch finden wir Rückstände von nicht natürlichen Objekten, wie Mauern und Metallgegenstände die aus dem Boden ragen, alte Reifen, die aussehen wie verbranntes Holz, die sich so anfühlen wie alte Rinde von gestorbenen Bäumen.

Sehen oder Hören
Das alles wird mit meinem Sehsinn ganz anders wahrgenommen als es mein nicht sehender Begleiter mit seinem Gehör oder Tastsinn erfährt. Ich bemerke, dass wenn ich mich nur auf mein Auge konzentriere, ich die Landschaft langweilig und abwechslungslos empfinde, die lauwarme Luft ist ebenfalls fad und regt kaum meine Hautempfindungen an. Wenn ich aber nach seiner Wahrnehmung frage, beschreibt er sie mir durchaus als sehr abwechslungsreich und interessant. Allein die ambivalenten Tasterfahrungen der Gegenstände, wie Metall auf Stein und hölzernes Gummi werfen für Ihn keine eindeutigen Bilder hervor und geben der Landschaft ein kontroverses Bild. Das dumpfe Gefühl meiner klimatisierten Studiolandschaft ähnelt aber dem Bild was er sich macht und stimmt mit meiner überein. Wir finden noch mehr Gegenstände, die ein Bild von sehr belebter Vergangenheit der Landschaft zeichnen. Verrostete Patronenhülsen und durchlöcherte alte Metalltonnen geben uns den Hinweis auf ein altes Militärübungsgelände. Sie Reste wurden hier einfach liegen gelassen und erzählen eine durchaus aggressive Geschichte. Visuell würde man das kaum erkennen da sich die Gegenstände in die Landschaft perfekt einfügen aber ertastet sind diese Merkmale mit Geschichtsschreibungen und imaginären Fantasien gefüllt, die sich nur in der Gedankenwelt des Betrachters erschließen und so nicht sichtbar sind. Sie machen eine direkte Bildwelt einer vergangenen aktiven Zeit auf und sind Zeugen der Entwicklung des Charakters der jetzigen Landschaft. Die Trockenheit zeugt von Vernachlässigung der regionalen Flora, die ständige Rodung und die scheinbar langfristige Umschichtung der Bodenflächen durch schweres Gerät haben das Wachsen der Pflanzen und Bäume verhindert und so Austrocknung herbeigeführt. Die Landschaft wirkt müde und leer, fast energielos.

Träume von Räumen
Aus George Perec´s Buch, Träume von Räumen habe ich den Begriff „Raumzipfel“. Dieser Raumzipfel ist wortwörtlich ein Zipfel, an dessen Enden dieser Heide-Raum von anderen Räumen getrennt wurde, um allein zu sein und sich zu erholen. So denke ich mir diesen Raum. Die Zurückgelassenenheit eines Ortes, der sich wie im Schlaf befindet, könnte auch der fehlende Widerhall von Geräuschen sein. Grundlage ist hierfür die spärliche Bewaldung, in der kaum ein Geräusch zurückgegeben werden kann, wie in einem Vakuum gehen wir den sandigen Weg durch die Ebene. Der Himmel hängt tief und wir spüren die dämpfende Wolkendecke über uns. Anders als es in dichten Laubwäldern der Fall ist, wo man oft keinen Himmel sehen kann und doch eine gewisse Höhe empfunden wird, wirkt dieser Ort niedrig. Ich begreife den Begriff „Halle“ in Bezug zu dicht bewaldeten Gebieten nun besser und zugleich möchte ich in einen satten Wald gehen und erleben wie es dort ist, um des satten Reichtums frischer Blätter gewiss zu werden. Mir wird klar, warum alte Laubwälder mit sehr hohen alten Buchen ein erhabenes Gefühl vermitteln. Unter großen alten Bäumen zu sein, ist wie eine Einladung in einen Konzertsaal, ist wie eine Abschirmung meiner Person von äußeren Einflüssen für eine Verabredung nur zum Hören, sehen und erkunden, ein Konzert der Naturgewalt. An diesem Ort aber ist es das Fehlen einer Einladung, ist es nur das zaghafte zulassen von tasten, hören und sehen, ein Streicheln oder berühren von Natur in wartendem Zustand.

Sommer 2016